Seit unserer Rückkehr nach Deutschland sind inzwischen drei Wochen vergangen.
Obwohl uns der Alltag langsam, ganz langsam, wieder einholt, zehren Torsten und ich noch immer sehr von unserer Reise. Mein Schreibtisch im Büro wird inzwischen von einem kleinen Abbild Ganeshs, dem “Überwinder aller Schwierigkeiten”, geziert. Hoffentlich verfügt der kleine Ganesh auch über Kenntnisse im Management von Softwareprojekten ;-)
Wir waren übrigens doch sehr überrascht, im Nachhinein zu erfahren, wie viele Leute an unserer Reise Anteil genommen und unsere Berichte von Unterwegs verfolgt hatten.
Unsere BMW hat schließlich auch den Weg zurück nach Deutschland gefunden. Sie kam eine Woche später als angekündigt in München an, aber Hauptsache, sie ist wieder da. Die Verspätung lag nicht an irgendwelchen unzuverlässigen Indern und ihren Versprechungen, sondern einzig und allein an dem Diwali-Fest in Indien. Da herrscht schon mal drei Tage am Stück Ausnahmezustand.
Stünden wir noch einmal vor der Wahl, wir würden alles genauso machen: Nach Indien AUF dem Landweg und MIT dem Motorrad. Wir hatten uns damals bewusst für die Reise auf dem Landweg entschieden, weil wir erleben wollten, wie sich alles nach und nach verändert: die Landschaft, die Menschen, die Sprache, die Kultur. Und für uns ist die BMW das ideale Fortbewegungsmittel, denn unbestritten hat sie uns während unserer Reise viele Türen geöffnet. Außerdem ist sie an Robustheit nicht zu toppen. Nur die Scharniere an den BMW-Koffern haben ihren Geist aufgegeben. Es geht halt doch nichts über deutsche Wertarbeit.
Eine simple Erkenntnis haben wir auch mitgenommen: Unsere Welt mag zwar schlecht sein, aber glücklicherweise ist sie gespickt mit unzählig netten, hilfsbereiten und liebenswerten Menschen.
Was wir nach drei Wochen schon wieder vermissen, ist das ungezwungene Vagabundenleben, das “morgens noch nicht zu wissen, wo man abends übernachtet”.
Der Wunsch, irgendwann noch einmal eine größere Tour zu machen, hat sich durch die Reise nur verstärkt. Die Welt ist ja voller lohnenswerter Ziele – und genau genommen haben wir unseren ganz großen Traum, den Karakorum, noch nicht verwirklicht. Wir hoffen einfach, dass es “da unten” bald mal friedlicher zugeht und freuen uns schon jetzt auf ein Wiedersehen mit Asien.
Fortsetzung folgt …… irgendwann ………
Oct
25
Kein Himmel ueber Delhi oder Wie transportiert man ein Motorrad von Indien nach Deutschland
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Es gibt keinen Himmel in Delhi, stattdessen eine riesige, gelblich-graue Dunstwolke, die ueber der Stadt haengt. Und unter dieser Dunstglocke haengen wir fest. Und das seit fuenf Tagen.
Aber von vorne. Von Pushkar aus sind wir am vergangenen Montag zu unserer letzten grosse Etappe nach Delhi aufgebrochen, um von Delhi aus unsere Rueckfluege sowie den Ruecktransport der BMW zu regeln.
Wir hatten gehofft, dass in Delhi alles recht schnell und unkompliziert ablaufen wuerde. Idealerweise haetten wir dann noch ein paar Tage Zeit zum Abhaengen in Delhi. Doch wie wir ja in einem unserer frueheren Blogeintraege schon festgestellt hatten, braucht man in Indien viel Zeit und viel Geduld. Die ganze Geschichte entpuppt sich dann also doch als ziemlich kompliziert und verworren.
Nachdem wir bereits von unterwegs aus ein paar Kontakte zu Luftfrachtversendern geknuepft hatten, die uns bezueglich des Ruecktransports der BMW vage Zusagen machten, wollen wir jetzt direkt vor Ort in Delhi weitere Versender ausfindig machen. Die ersten sind dann auch schnell gefunden. Den Dienstag verbringen wir also damit, diese Versender abzuklappern. Wir versuchen dabei immer ganz detailliert festzuhalten, um was es uns eigentlich geht. Die erste Reaktion unserer Ansprechpartner auf unser Anliegen ist meistens die gleiche: “No problem”. Interessiert guckt man dann auch gleich saemtliche Papiere zur BMW durch. Doch schon aus den Fragen, die im weiteren Verlauf des Gespraechs uns gerichtet werden, ist uns bei einigen der Anbieter sofort klar, dass sie keinerlei Erfahrung mit der Verpackung und dem Ruecktransport eines Motorrades nach Deutschland haben.
Einer unserer Gespraechspartner wirkt kompetent. Er hat offenbar die Situation verstanden, hat unser Motorrad schon gesehen (die Firma, fuer die er arbeitet, ist im gleichen Gebaeude wie unser Hotel) und weiss, auf was es beim Ruecktransport ankommt. Klar, es sind dann doch noch einige Fragen bzw. Details intern abzustimmen, aber er sichert uns zu, uns innerhalb der naechsten Stunde per Telefon oder per Fax eine Antwort zu den offenen Punkten zu liefern. Auf jeden Fall sollen wir unsere eigenen Rueckfluege schon mal fest buchen. Alles “No problem”. Unser Problem ist allerdings, dass sich der gute Mann dann doch nicht mehr bei uns meldet und uns langsam die Zeit davonlaeuft. Also suchen wir unseren Ansprechpartner erneut auf. Schon als wir in das Grossraumbuero kommen, merken wir, dass etwas nicht stimmt. Aus seinem Blick kann man entnehmen, dass er sich ueber unseren Besuch nicht besonders freut. Zudem ist er offenbar in Feierabendlaune, denn seine Aktentasche liegt schon griffbereit auf dem Schreibtisch. Kleinlaut gesteht er uns nun, dass die Firma zwar den Papierkram uebernehmen kann, nicht jedoch die Verpackung des Motorrades. Und das sagt er uns jetzt, nachdem wir Stunden zuvor genau ueber diese Details mit ihm gesprochen haben. Ein Glueck, dass wir entgegen seines guten Rates unsere Rueckfluege noch nicht gebucht haben. Und so schickt man uns von Adresse zu Adresse.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es noch. Von unterwegs aus hatten wir ueber Karan, den wir im Corbett-Nationalpark kennengelernt und dem wir unser Anliegen geschildert hatten, einen Kontakt zu dessen Freund Gaurav hergestellt. Von Gaurav wiederum hatten wir die Adresse von Mr. Singh in Delhi bekommen. Man kann sich vorstellen, wie lange sich die Kontaktaufnahme zu diesen beiden Personen hingezogen hat, vor allem erschwert dadurch, dass wir nur ueber email oder ueber unsere Hotels erreichbar waren. Aber eben von diesem Mr. Singh in Delhi hatten wir nach einigem Hin und Her sogar ein Angebot ueber den Ruecktransport erhalten. Die Telefonate mit Mr. Singh waren allerdings immer schwierig. Einerseits bedingt durch die Sprachbarriere. Andererseits haben wir auch bei Mr. Singh den Eindruck gewonnen, dass Geschaefte hier in Indien anders abgewickelt werden. Aber nachdem wir am Dienstag nichts erreicht haben, beschliessen wir, Mr. Singh am naechsten Tag zu besuchen. Telefonisch angekuendigt haben wir unseren Besuch bei Mr. Singh bereits.
Am Mittwoch machen wir uns auf den Weg von unserem Hotel ins Zentrum von Delhi. Was sich auf Delhis Strassen abspielt, ist unbeschreiblich. Die Strassen sind vollgestopft mit Autos, Bussen, Motorrollern, Lastern und Rikshas. Wer sich hier als Verkehrsteilnehmer defensiv verhaelt, hat im Verkehr Delhis keine Chance. Daher wird jede noch so kleine Luecke von den Indern ausgenutzt, um in dem Laerm und Dreck moeglichst schnell voranzukommen. So stehen die Fahrzeuge kreuz und quer auf der Strasse, zum Teil scheinbar hoffnungslos verkeilt ineinander. Auch wir versuchen, in dem Verkehrsstrom irgendwie mitzuschwimmen. Das gelingt uns auch ohne grossen Schaden, aber letztendlich benoetigen wir fuer die 22 km von unserem Hotel bis ins Zentrum rund 2 Stunden.
Dann sind wir endlich bei Mr. Singh. Doch von dem keine Spur. Wir werden ins Buero gebeten und warten. Nach rund einer Stunde, es ist mittlerweilen schon wieder Mittag, taucht schliesslich Mr. Singh auf. Begleitet wird er von Gaurav. Und wie sich noch zeigen sollte, war die Anwesenheit von Gaurav Gold wert. Die beiden koennten nicht gegensaetzlicher sein. Mr. Singh scheint auf den ersten Blick eher von der ruhigeren Sorte zu sein. Er wirkt aber auf uns irgendwie verbohrt, ja fast scheint es so, als sei er aus irgendeinem Grunde beleidigt. Er aeussert sich nur wenig zu Details, beteiligt sich kaum an dem Gespraech. Trotzdem kein unsympathischer Typ. Gaurav hingegen ist eine wahre Frohnatur. Im Laufe der Woche werden wir ihn noch als Lebenskuenstler und Philosoph mit Charisma erleben. Es scheint nichts zu geben, was einen Gaurav aus der Bahn werfen koennte. Gaurav spricht zum Glueck perfektes Englisch und entspricht mit seinem langen schwarzgelockten Haaren so gar nicht dem Bild eines typischen Inders. Gaurav ist selbst Geschaeftsmann und kann unsere Belange gut verstehen. Er nimmt die Rolle als Vermittler und Uebersetzer zwischen uns und Mr. Singh ein. Bevor es in die Details geht, unterhaelt man sich bei viel Tee und Kaffee zunaechst mal ueber Gott und die Welt. Wir sehen die Zeit schon wieder mal davonlaufen, aber was sollen wir machen. Es vergehen Stunden, bis die Details annaehernd geklaert sind. Aber alles ist “No problem”. Laut Mr. Singh kann die Maschine bereits am Freitag oder am Samstag verschickt werden. Doch was ist mit der Verpackung? Die BMW muss in einer Holzkiste verstaut werden, die eigens dafuer gebaut werden muss. Was ist mit dem Zoll, der Gefahrgutverordung und der Reservierung des Frachtraums bei der Fluggesellschaft? Ist das bis Freitag alles zu schaffen? Gaurav kann ueber unseren Eifer nur lachen. “Relax, take it easy”, so sein Motto. So fahren wir am Mittwoch gegen Abend noch immer nicht sonderlich beruhigt zurueck ins Hotel. Aber irgendwie wird schon alles klappen.
Am naechsten Morgen, Donnerstag, quaelen wir uns durch den morgendlichen Delhi-Berufsverkehr wieder zu Mr. Singh. Wir hatten vereinbart, uns um 11 Uhr im Buero von Mr. Singh zu treffen, damit die Kiste gebaut werden kann und die Zollformalitaeten vorbereitet werden koennen. Wir sind puenktlich, doch wer ist wieder mal nicht da? Richtig: Mr. Singh. Der kommt erst eine gute Stunde spaeter. Wir werden gebeten, auf unserem Motorrad einem Mitarbeiter von Mr. Singh in das Buero zu folgen, in welchem die Luftfrachtbriefe fuer den Versand erstellt werden. Das Buero liegt mitten im Zentrum von Delhi, wir brauchen eine gute halbe Stunde dorthin. Die Mitarbeiter dort erwarten uns schon, sie sind von Mr. Singh schon unterrichtet worden, welch aussergewoehnliches Transportgut sie erwartet. Auch Mr. Singh ist mit von der Partie. Er besteht nun darauf, dass wir endlich unsere Rueckfluege buchen. Erst wenn die gebucht sind, kann der Flug fuer die BMW gebucht werden. Wir versuchen wieder mal zu erklaeren, dass wir unsere Rueckfluege erst dann fixieren koennen, wenn klar ist, wann die BMW fliegen wird. Mr. Singh laesst das nicht gelten. Der Rueckflug der BMW ist “No problem” – dieser Satz ist uns mittlerweile nur zu vertraut. Und so buchen wir online unsere Rueckfluege fuer den Samstag.
Irgendwann, es geht schon auf zwei Uhr Nachmittag zu, sind die Papiere erstellt. Wenn die BMW am Samstag den Rueckflug antreten soll, dann ist es jetzt allerhoechste Eisenbahn fuer den Bau der Kiste. Zum Zoll muessen wir ja auch noch mit der Kiste. Ob das alles noch klappt? Nerven bewahren. Die Kiste wird von einem speziellen “Kistenbauer”, offenbar ein Subunternehmer von Mr. Singh erstellt. Zu diesem Zweck muessen wir nochmal ein gutes Stueck durch Delhi fahren. Als Torsten und ich den Laden das erste Mal sehen, ist uns klar: Das kann nie im Leben klappen! Zu klein, zu wenig professionell wirkt der Laden: auf der Strasse werden bei der Ankunft Obstkistchen zusammengehaemmert!
Doch wir werden eines besseren belehrt. Waehrend die Maenner anfangen, den Boden der Holzpalette zu haemmern, zerlegt Torsten, umringt von einer Menschenmenge, die BMW. Das heisst, das Vorderrad wird rausgebaut, die Frontscheibe entfernt, die Sitzbank runtergenommen, der Tank entleert, die Batterie ausgebaut, die Federung komprimiert.
Damit erreichen wir, dass die Kiste fuer die BMW wesentlich kleiner ausfallen kann.
Mr. Singh unterstuetzt Torsten bestmoeglich mit guten Ratschlägen. Waren die beiden sich nie so richtig gruen, so entwickeln sie im Laufe der Zusammenarbeit eine Art Hassliebe zueinander.
In der Tat ist die Stimmung wieder besser. Der Bau der Palette geht gut voran, vielleicht muss man die Inder einfach machen lassen. Es ist schliesslich Abend, als die BMW verpackt ist.
Zum Zoll schaffen wir es heute nicht mehr. Aber Mr. Singh ist bester Laune (offenbar war das Verpacken des Motorrades auch fuer ihn mal eine willkommene Abwechslung). Die Zollformalitaeten seien am Freitag schnell erledigt. Er werde morgen fuer 11 Uhr einen Mitarbeiter zu unserem Hotel schicken, der mit uns zum Zoll faehrt. Das ganze solle nur eine halbe Stunde dauern, und danach haetten wir endlich mal Zeit, uns Delhi anzuschauen. Der erste Abend in dieser Woche, an dem wir endlich mal zuversichtlich sind. Zum Abschied versichert er uns noch einmal “no problem”und äussert sich belustigt über unsere ach so unnötigen Vorbehalte. Mein Blick trifft sich mit Torstens, Gedankenübertragung ist nicht notwendig, wir denken genau das gleiche: wir würden uns nur zu gerne davon überzeugen lassen.
Am nächsten Tag, Freitag, 12.30 Uhr. Bislang gab es weder den versprochenen Anruf von Mr. Singh, ganz zu schweigen vom Mitarbeiter, der uns um 11 Uhr abholen sollte. Jetzt liegen die Nerven wirklich blank. Ewig wird der Zoll am Freitag auch in Indien nicht offen haben. Jetzt hilft nur ein Anruf bei Gaurav, der versteht uns wenigstens. Gaurav verspricht, sich um die Sache zu kuemmern und uns auf dem Laufenden zu halten. Die Stunden vergehen, Telefonate hin und her, nervenaufreibendes Warten. Offenbar gibt es wohl Probleme mit dem Gewicht der Palette. Eine Sache, um die sich Mr. Singh haette kuemmern muessen, da ihm alle Informationen über Nettogewicht und Packmasse der BMW vorlagen. Damit wird auch klar, dass es fuer die Zollabwicklung zu spaet ist. Gaurav setzt sich ein fuer uns und laesst seine Beziehungen zum Zoll spielen. Um 17 Uhr der “erlösende” Anruf von Mr. Singh: alles weiterhin “No problem”- Gaurav sei nun “part of the business” und er sei “out” – sein Stossseufzer am Ende des Telefonats spricht Bände. Gaurav erreichte schliesslich, dass am Samstagvormittag die Zollabfertigung vorgenommen werden kann. Die vereinfachte Version mittels Carnet de Passage, in welchem dokumentiert wird, dass wir die BMW nach Indien eingefuehrt und auch wieder ausgefuehrt haben, kann nur von einem speziellen Mitarbeiter des Zolls durchgeführt werden. Der arbeitet aber erst wieder am Montag. Nach einigem Hin und Her beschliessen wir, das wichtige Dokument Gaurav vertrauensvoll “in die Haende zu legen”. Er wird sich um das weitere Geschehen kuemmern, die BMW soll dann nach erfolgreicher 1-Tages-Quarantäne am Montag oder Dienstag auf dem direkten Weg nach Deutschland fliegen.
Damit scheint auch das letzte Abenteuer in Indien ausgestanden zu sein.
Jetzt ist Zeit, nach Hause zu kommen.
Inzwischen sind wir im indischen Bundesstaat Rajasthan eingetroffen. Rajasthan ist der Bundesstaat der Maharajapalaeste, der Kamele und Karawanenstaedte und bei den Touristen aeusserst beliebt.
Indien ist ein vielfaeltiger Staat mit sehr unterschiedlichen Kulturen und so hat auch Rajasthan gleich auf dem ersten Blick wieder einige Besonderheiten zu bieten. Kamele, die wir zuletzt in Pakistan gesichtet hatten, gehoeren hier wieder zum normalen Strassenbild. Die Frauen tragen viel Schmuck zu den bunten Rajasthan-Kleidern. Ueberhaupt scheinen hier die Farben noch knalliger und noch bunter zu sein.
Die ersten Tage verbringen wir in Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans. Jaipur wird “Pink City” genannt, denn die Haeuser der Altstadt sind komplett in Rosa gestrichen. Der rosa Anstrich erfolgte anlaesslich eines Staatsbesuches von Prinz Albert, dem spaeteren Koenig Edward VII.
Jaipur hat eine wunderschoene Altstadt, in deren – fuer Indien untypisch – breiten Hauptstrassen sich das Treiben der indischen Metropole abspielt. Ein Geschaeft reiht sich hier an das andere. Vom Sari bis zur Schleifmaschine ist hier alles zu bekommen. Aber man muss die Kunst des Feilschens beherrschen, sonst zahlt man gnadenlos drauf.
Beruehmt ist Jaipur fuer den Hawa Mahal, bei uns besser als “Palast der Winde” bekannt. Jeder hat sicherlich schon einmal ein Foto von der bekannten Frontseite des Palastes gesehen. Obwohl: von Palast kann keine Rede sein, passender waere eher der Begriff “Kulisse”, denn hinter der Frontseite verbirgt sich lediglich ein Treppenaufgang.
Die Haremsdamen nutzten den Hawa Mahal, um ungestoert das Treiben auf Jaipurs Strassen verfolgen zu koennen. Heute ist der Palast der Winde die Touristenattraktion schlechthin in Jaipur.
Mitten in Jaipur finden wir ein nettes Hotel, nicht zu teuer, mit schoenem Garten und allen Annehmlichkeiten, auf die wir schon so lange verzichtet haben. Eine richtig kleine Oase in dieser belebten Stadt.
In Jaipur versuchen wir dann auch, den Ruecktransport der BMW zu arrangieren. Nachdem der e-mail-Verkehr mit indischen Luftfrachtunternehmen schon einige Zeit hin und hergeht, moechten wir jetzt per Telefon alles dingfest zu machen. Eine schwierige Sache. Ein grosses Problem ist die Verstaendigung in Englisch. Manche Inder sprechen ein fuer unsere Ohren ulkiges Englisch. Wir sind uns niemals wirklich sicher, ob wir sie richtig verstehen bzw. ob sie uns richtig verstehen. Und auf versprochene Rueckrufe oder e-mails warten wir oft vergeblich. In aller Verzweiflung gehen wir schliesslich zu FedEx in Jaipur. Die Dame begruesst uns mit einem freundlichen Laecheln. Der sich dann anschliessende Dialog hat sich sinngemaess so zugetragen:
FedEx: What can I do for you?
Torsten: We would like to transport something from India back to Germany.
FedEx: What is the item, Sir?
Torsten: It’s a motorbike. But it is a really huge one.
FedEx: Yes, we can do that. Do you pay cash?
Torsten: First of all, I would like to talk about some details. Are you really sure you can arrange the transport? As I told you, it is a motorbike, a very big one.
FedEx: What is the item, Sir?
Torsten: It’s a motorbike.
FedEx: A motorbike??? Oh no, I am sorry!
Einige andere Telefonate spielen sich in aehnlicher Form ab. Der Hotelmanager, dem wir von unseren Misserfolgen erzaehlen, meint, dass der Transport eines Motorrades nicht zum gewoehnlichen Geschaeft gehoert. Und bevor man hier irgendwas falsch macht, verzichtet man wohl lieber auf das Geschaeft. In Delhi werde es aber keine Probleme geben. Wir entschliessen uns daher, unsere Rueckfluege und den Ruecktransport des Motorrades von Delhi aus zu arrangieren. Ein bisschen schade ist es um die verlorene Zeit, aber im Nachhinein war das ganze Hin und Her ja doch irgendwie abenteuerlich und lustig.
Von Jaipur aus ist es nur ca. 10 Kilometer zu der Stadt Amber. In Amber gibt es eine wunderschoene Festung und eine Palastanlage von gigantischem Ausmass zu bewundern. So werden aus der geplanten Stunde fuer den Rundgang in der Festung schnell drei Stunden. In der Tat haben wir noch nie eine Festung mit solchen Ausmassen gesehen.
Am Freitag nehmen wir Abschied von Jaipur, fahren zwei Stunden in Richtung Suedwesten und erreichen mit Pushkar den suedlichsten Punkt und gleichzeitig die vorletzte Station unserer Indienreise. Pushkar ist ein vielbesuchter und dennoch idyllischer Wallfahrtsort der Hindus. Mittelpunkt des Ortes ist ein kleiner See. Der Legende nach fiel dem Hindugott Brahma eine Lotusbluete aus der Hand. Dort, wo die Bluete hinfiel, entstand der See. An den vielen Ghats halten die Hindus in den Morgenstunden ihre traditionellen Bade-Riten ab. In Pushkar gibt es ausserdem eine Vielzahl von Tempeln fuer Brahma, Shiva, Hanuman, Saraswati, Ganesha - fuer jeden Hindu duerfte etwas dabei sein. Insgesamt herrscht in Pushkar eine sehr angenehme friedliche und stimmungsvolle Atmosphaere, die wir zum Ausklang unserer Reise sehr geniessen.
Akhbar der Grosse herrschte im 16. Jahrhundert ueber das indische Grossreich. Aeussert man sich in der Literatur eher zwiespaeltig zu den Verdiensten des Moguls, so ist unbestritten, dass wir ihm architektonische Meisterleistungen wie Fathepur Sikri und das Rote Fort in Agra verdanken – und indirekt auch das Taj Mahal. Von Bharatpur aus lassen sich all diese Sehenswuerdigkeiten gut ansteuern.
Am Samstag steht zunaechst die Besichtigung des rund 22 km von Bharatpur entfernten Fathepur Sikri an. Die Geisterstadt, auf einem Felsen ueber der weiten Ebene gelegen, wurde im 16. Jahrhundert von Akhbar errichtet, aber schon 15 Jahre spaeter wieder verlassen. Besichtigt werden koennen heutzutage noch die Moschee Jama Masjid und die Palastanlage mit ihrem gigantischen Ausmass.
Schon auf der Hinfahrt zeigt sich von weitem die beeindruckende Silhouette der Palastanlage sowie des mehr als 50 Meter hohen Siegestores, ueber das man in die Moschee gelangte.
Viele Touristen zieht es hierher, daher herrscht auch entsprechender Trubel. Gleich an der Zufahrt zu Fathepur Sikri werden wir von einem Inder abgefangen. Er moechte uns seine Dienste als Guide anbieten. Diesen Inder koennen wir noch schnell abwimmeln, aber die naechsten stehen schon in den Startloechern.
Am Eingang zur Geisterstadt werden wir mit einem indischen Kuriosum konfrontiert: Indische Staatsbuerger zahlen an Eintrittsgeld nur ein Zehntel dessen, was man den Auslaendern abknoepft.
Die Anlage ist riesig und imposant. Wir koennen locker den ganzen Nachmittag in Fathepur Sikri verbringen und haben trotzdem das Gefuehl, noch nicht alles gesehen zu haben.
Am Samstag steht dann die Besichtigung Agras an. Hier finden sich das Rote Fort und das weltberuehmte Taj Mahal. Fuer die rund 80 km nach Agra benoetigen wir anderthalb Stunden.
Der Verkehr auf Agras Strassen ist besser als erwartet, und so gelangen wir relativ zuegig zu der Anlage. Doch was waere eine Touristenattraktion ohne geschaeftstuechtige Haendler. Und so entwickelt sich der Weg zum Eingang zum Spiessrutenlauf. Zunaechst Rikshafahrer, die gar nicht verstehen wollen, dass man sich nach den vielen Stunden auf dem Motorrad auch gerne mal wieder auf zwei Beinen vorwaertsbewegt. Dann kommen andere dubiose Gestalten, die uns weismachen wollen, dass wir hier total falsch anstehen. Aber fuer schlappe 400 Rupien, das sind grob sechs Euro, verspricht man uns ein Rundum-Sorglos-Paket, Organisation und Besorgung der Eintrittstickets sind im Preis inbegriffen. Kurz vor dem Eingang ist dann die letzte Huerde zu nehmen: Hier treten Ladenbesitzer in Horden auf, die einem das Versprechen abnoetigen wollen, nach dem Besuch des Taj in ihren “very nice shop” zu kommen.
Beim Bezahlen des Eintrittsgeldes wieder das indische Kuriosum: Inder zahlen 75 Rupien, Auslaender zahlen das zehnfache an Eintrittsgeld. Fuer indische Verhaeltnisse sind die Eingangskontrollen am Taj sehr strikt. Wir werden gruendlich durchsucht und muessen dann sogar noch ein Batteriekabel zuruecklassen. Es ist gut, dass so streng kontrolliert wird.
Vom Taj haben wir bisher noch nichts zu sehen bekommen. Dazu muss man zunaechst noch ein gewaltiges Eingangstor durchqueren. Aber dann endlich ist der Augenblick gekommen. Auch wenn man das Taj schon x-mal auf Bildern gesehen hat und eigentlich genau zu wissen glaubt, was einen erwartet, bei dem ersten Blick auf das Taj verschlaegt es dann einen doch die Sprache. Das Taj, noch knappe 200 Meter von uns entfernt, bildet mit seinem hellen Marmor einen unvergleichlichen Kontrast zu dem dunklen Eingangstor.
Man kann den Blick kaum loesen von dieser grandiosen Kulisse. Vielen Touris geht es aehnlich: sie stehen nur und staunen oder schiessen ihre Beweisfotos. Dabei geht alles sehr friedvoll, ja beinahe schon andaechtig zu. Eine grossartige Atmosphaere. Von dem maechtigen Eingangstor durchquert man dann die Parkanlage, das Taj immer direkt vor Augen. Je naeher man dem Taj kommt, desto zarter wirkt das imposante Bauwerk.
Das Taj Mahal wurde von Shah Jahan, einem Enkel Akhbars zur Erinnerung an Mumtaz Mahal errichtet. Mumtaz war die Lieblingsfrau von Shah Jahan und starb im Alter von 38 Jahren bei der Geburt ihres 14. Kindes.
Beim Anblick des Taj wird uns klar, warum dieses Bauwerk eines der beruehmtesten der Welt ist.
Entgegen unserer urspruenglichen Absicht verbringen wir den ganzen Nachmittag am Taj, der Zauber, die einmalige Atmosphaere laesst uns nicht los.
Nach einigen Stunden muessen wir uns dann doch wieder auf den Rueckweg machen. Wieder der Gang durch das Eingangstor, noch ein letzter Blick zurueck – dann ist das Taj aus unserem Blickfeld verschwunden.
Schnell holt uns die Realitaet aus unserer Verzauberung zurueck. Eine Horde von “very-nice-shop”-Guys wartet schon ungeduldig auf uns. Pech gehabt, vielleicht das naechste Mal, Jungs! Wir muessen uns naemlich schleunigst auf den Rueckweg machen, da wir sonst in der Dunkelheit zurueck nach Bharatpur fahren.
Ein langer Tag mit grossartigen Bildern und nachhaltigen Eindruecken geht zu Ende.
Was waere eine Indien-Reise ohne den Besuch des Taj Mahal? Von Anfang an hatten wir einen Abstecher zu diesem denkwuerdigen Bauwerk geplant. Auf viele Sehenswuerdigkeiten haetten wir verzichten koennen, das Taj Mahal war jedoch immer ein Muss fuer uns.
Vom Corbett-Nationalpark ist das Taj rund 280 km entfernt. Hoert sich nach wenig an, aber man muss immer den Zustand von Indiens Strassen im Hinterkopf behalten. Wir haben uns in Indien bereits manche Male verschaetzt und so setzen wir zwei Tagesetappen fuer die Strecke an. Die Fahrt fuehrt uns durch die weite Ebene des Ganges in Richtung Sueden: schnurgerade Strassen, eine flache Landschaft – der Vergleich mit der Poebene liegt nahe.
Wir erreichen den Bundesstaat Uttar Pradesh. Man fuehlt sich auf einmal wie in einer ganz anderen Welt. Uttar Pradesh wirkt noch aermer als alle anderen Bundesstaaten in Indiens Norden. Pferdefuhrwerke und Eselskarren, wie wir sie bislang nur in Pakistan gesehen haben, gehoeren hier zum normalen Strassenbild. In Uttar Pradesh scheint der Anteil an muslimischer Bevoelkerung relativ hoch zu sein, darauf deutet die Kleidung der Maenner hin.
Was das Interesse der indischen Bevoelkerung an uns bzw. an unserer BMW anbelangt, so toppen die Inder in dieser Gegend hier alles, was wir bisher erlebt haben. Es gibt einen Sketch von Loriot, in welchem ein Gast in einem Restaurant eigentlich nichts anderes moechte, als in Ruhe eine Kalbshaxe essen. Staendig gestoert vom Kellner und anderen Gaesten flippt er irgendwann komplett aus und schreit den ganzen Laden zusammen. Der Sketch endet damit, dass der Gast, umringt von einer Menschentraube, seine Kalbshaxe essen muss. Ein Passant fragt, was es hier zu sehen gaebe. “Der Herr isst eine Kalbshaxe”, bekommt er daraufhin zur Antwort. Manchmal fuehlen wir uns wie dieser Gast in dem Sketch. Egal, ob wir eine Cola am Strassenrand trinken, uns angestrengt ueber die Karte gebeugt zum weiteren Streckenlauf beraten oder wir auch schon mal eine lautstarke Auseinandersetzung in der Oeffentlichkeit austragen – das Interesse der Inder ist uns stets sicher. Und Inder koennen dabei sehr geduldig sein. Es spielt keine Rolle, dass sie unsere Sprache nicht verstehen oder wir die Horde um uns herum komplett ignorieren. Nein, sie stehen einfach in aller Seelenruhe um uns herum und beobachten uns schweigend. Die aufgeschlosseneren unter ihnen fragen dann schon mal nach dem Preis der BMW oder nach Anzahl der Gaenge oder nach Hubraum oder nach Spritverbrauch.
Insgeheim muessen wir schmunzeln ueber diese Situationen, manchmal ruehren sie uns auch. Denn vermutlich sind wir die einzige Abwechslung, die die Inder hier so haben. Boese meint es ja auch keiner mit uns. Im Gegenteil: Wir haben bisher nur hoefliche Inder erlebt.
Doch zurueck zu unserer Reiseroute. Irgendwo suedlich von Moradabad geht der Tag langsam zu Ende. Hotels gibt es in dieser Gegend nicht. Also ist mal wieder “in die Buesche schlagen” angesagt. Ein abgemaehtes Feld am Strassenrand scheint fuers Zelten bestens geeignet. Ein kurzer Halt, wir muessen nicht lange warten und die ersten Inder sind auch schon wieder da. Sie bestaetigen uns, dass der Platz sicher ist. Wir wollen gerade unser Gepaeck abladen, da kommt der Einwurf eines Inders: Nein, der Platz ist nicht sicher. Unsere Frage nach dem Warum kann er allerdings nicht so recht beantworten. Aber dafuer kennt er eine sichere Stelle. Und die moechte er uns auch gleich zeigen. Wie sich herausstellt, befindet sich die Stelle ungefaehr zehn Meter vom alten Platz entfernt. Na egal, dann schlagen wir unser Zelt eben zehn Meter weiter auf. Schliesslich wird es schon dunkel. Wir laden also das Gepaeck ab und bauen das Zelt auf, da erfolgt ein erneuter Einwand: Dieser Platz ist nicht sicher. Warum kann uns wiederum niemand so richtig erklaeren. Aber wir nehmen das Angebot, in der 50 Meter entfernten Hofeinfahrt des Mannes zu zelten, dankend an. Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht wissen, ist, dass diese Hofeinfahrt offenbar beliebter Treffpunkt bei der Dorfjugend ist. Was wir ausserdem nicht wissen, ist, dass hier in den allerfruehesten Morgenstunden Korn gemahlen wird.
In dieser Nacht machen wir kein Auge zu. Zuerst das Geplaerre der Jugendlichen, dann das Geratter der Mahlvorrichtungen mitten in der Nacht. Um 6 Uhr morgens ist die Nacht vorbei. Wir sind geraedert, packen aber in aller Eile unsere Sachen und machen uns aus dem (Mehl)-Staub. Es ist ein Genuss, so frueh am Morgen auf Indiens Strassen unterwegs zu sein.
Irgendwo auf der Strecke zwischen Babrala und Dibai verdichtet sich der Verkehr, mehr und mehr vollbesetzte Busse steuern auf einen kleinen Ort zu. Auf unser Nachfragen hin erfahren wir, dass sich in dem Ort der Tempel einer bedeutenden Goettin befindet. Und da gerade Dussera, das wichtigste aller indischen Feste stattfindet, kommen die Inder aus einem Umkreis von 200 Kilometern zum Beten hergefahren. Das ganze Ereignis dauert neun Tage.
Wir finden eine nette Familie, in deren Hinterhof wir die BMW sicher parken koennen und werden vom Sohn des Hauses zu dem Geschehen gefuehrt.
Hunderte von Indern draengen sich mit uns durch die engen Gassen. Vor dem Tempel heisst es dann Schuhe aus und barfuss weiter entlang auf schmutzigen und glitischen Gassen.
Im Tempel spielen sich dann fast schon dramatische Szenen ab. Inder, in voelliger Ekstase, Inder, die ihre Neugeborenen zur Goettin emporhalten, Inder, die kleine Geschenke auf die Goettinnenfigur schmeissen, um damit um Gnade und Wohlwollen zu bitten.
Die Menge wabert im Uhrzeigersinn um die Figur herum. Das ganze wird von einem unbeschreiblichen Laerm begleitet. Wir, mittendrin im Gedraenge, muessen aufpassen, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren.
Nach dem Besuch des Tempels werden wir von der Familie zu einem koestlichen indischen Imbiss eingeladen. So lernen wir nach und nach saemtliche Soehne, Schwiegertoechter sowie Enkelkinder kennen. Alle leben gemeinsam unter einem Dach. Verstaendigen tun wir uns ueber das Oberhaupt der Familie, ein ca. 80jaehriger Greis. Erstaunlicherweise verfuegt naemlich der als einziger in der Familie ueber hervorragende Englischkenntnisse. Gegen Mittag verabschiden wir uns dann, um die restliche Etappe bis nach Bharatpur zurueckzulegen.
In Bharatpur legen wir einen mehrtaegigen Zwischenstop ein. Zum einen, weil man von Bharatpur aus das Taj Mahal und Fathepur Sikri sehr gut erreichen kann, zum anderen, weil wir uns nun doch allmaehlich mit unserer Rueckreise auseinandersetzen muessen und hierfuer einiges zu organisieren ist. Uebrigens haben wir Nepal kurzfristig aus unserem Programm gekickt. Wollten wir das auch noch schaffen, so wuerden wir von jetzt an nur noch auf dem Motorrad hocken. Der Rueckflug wird also von Delhi aus erfolgen, den Rest unserer Zeit werden wir hier in Indien verbringen.
Einer der bekanntesten Nationalparks in Indien ist der Corbett-Nationalpark. Er liegt in schoenster Natur am Rande des Kumaon und eignet sich hervorragend zum Beobachten von Tieren in freier Natur, insbesondere von Voegel, Elefanten und Tigern. Grund genug, diesem Park einen Besuch abzustatten. Von Ranikhet aus sind es nur knapp zwei Stunden zu fahren. Es geht ein letztes Mal ueber schoene Serpentinen durch die Kumaon-Berge. Beim Erreichen des Nationalparks heisst es endgueltig Abschied nehmen von den Bergen des Kumaon und damit vom Himalaya. Vor uns liegt nun die breite Ganges-Ebene.
Die Stadt Ramnagar ist das Tor zum Nationalpark. Auch hier herrscht der typische Trubel einer indischen Kleinstadt. Ramnagar hat keine Besonderheiten. Besonders erscheint uns nur der hohe Anteil der Muslime an der Bevoelkerung. Und in der Tat bestaetigen uns die Einheimischen, dass hier Hindus, Muslime und Sikhs ganz friedlich zusammenleben.
Die Fastenzeit ist gerade vorbei, und die Muslime feieren ausgelassen mit den Hindus auf den Strassen. Schon wieder ganz ungewohnt wirkt das Rufen des Muezzin auf uns, in Ramnagar eine Selbstverstaendlichkeit.
Im Besucherzentrum des Parks herrscht geschaeftiger Trubel. Mit der BMW sind wir gleich aufgefallen als Europaeer, jetzt versucht uns eine Horde geschaeftstuechtiger Inder, ihre Dienste als Safari-Guides zu verkaufen. So ganz klar sind uns die Bedingungen, die man erfuellen muss, um in den Park zu kommen, zunaechst nicht. Irgendwie scheint alles buerokratischer und komplizierter als bei uns in Deutschland. Doch endlich haben wir das Regelwerk verstanden, dank eines unaufdringlichen und ruhigen Inders, der unsere Fragen geduldig beantwortet. Nachdem man den Park nicht auf eigene Faust erkunden darf, buchen wir schliesslich zwei Jeepsafaris fuer die kommenden beiden Tage. Unser Safariguide wird Nasir, der ruhige Inder. Keine schlechte Wahl, wie sich zeigen sollte.
Am naechsten Morgen, puenktlich um 5 Uhr holt uns Nasir mit seinem Jeep vom Hotel ab. Zunaechst meussen wir noch eine halbe Stunde durch die Nacht fahren, bis wir zum Parkeingang gelangen. In dem Teil des Parks, den wir heute besuchen, sollen sich viele Elefanten aufhalten. Wir sind gespannt. Nasir bewaeltigt mit dem Jeep gekonnt die schwierigen Pisten und versaeumt dabei aber nicht, uns auf Pfaue und andere Federviecher sowie alle moeglichen Arten von Rehen, Hirschen, Schakalen und Affen aufmerksam zu machen.
Die Namen von all den Tieren koennen wir uns zwar nicht merken, wir sind aber sehr beeindruckt von Nasirs Fachkenntnis.
Da, auf einmal Haufen auf der Piste. Elefantenhaufen, zudem ganz frisch, wie Nasir nach einem pruefenden Blick bemerkt. Er faehrt langsamer und bleibt schliesslich stehen. Irgendetwas muss Nasir gehoert haben. Dann lautes Krachen aus dem Gebuesch. Nasir deutet auf das Gebuesch. Dort muessen sich Elefanten befinden. Und dann eine Szene, die wir uns lange gewuenscht haben: Vier Elefanten unterschiedlicher Groesse treten ca. 50 Meter von uns entfernt aus dem Dickicht. Manchmal gibt es Situationen, die kann man nur auf einem Film festhalten. In diesem Augenblick sind wir froh, dass wir noch vor dem Urlaub einen Camcorder gekauft haben. Diese und weitere Szenen, in denen wir die Elefanten noch beobachten und filmen werden, waren den Kauf des Camcorders allemal wert.
Ob wir bei den Tigern genauso erfolgreich sein werden? Die Jeepsafari am naechsten Tag fuehrt uns in die Parkregion, in denen sich die Tiger vornehmlich aufhalten sollen. Nasir sagt, die Chancen, einen Tiger zu sehen, seien nicht allzu schlecht. Erst gestern beim Abendessen kamen ein paar Inder an unseren Tisch. Ganz gluecklich zeigten sie uns die Aufnahmen von dem Tiger, den sie bei ihrer Safari gesichtet hatten. Wir mussten zwar ganz dicht das Bild vor die Augen halten, zusaetzlich noch ein Auge zusammenkneifen und haetten trotzdem den winzigen roetlichen Fleck auf dem Foto nicht als Tiger identifiziert. Aber warum sollen wir ihnen ihre Freude nehmen? Anerkennend und ehrfurchtsvoll bewunderten wir den roten Flecken und beglueckwuenschten sie zu der gelungenen Aufnahme.
Wieder heisst es, in der Dunkelheit aufzubrechen. In der Nacht hat es schwere Gewitter gegeben, daher ist zunaechst nicht sicher, ob wir das Parkgelaende ueberhaupt betreten koennen. Doch endlich geben die Parkwaechter gruenes Licht. Schon die Fahrt durch den Park ist das Geld wert. Die Landschaft ist ueberwaeltigend. Wir muessen Flussfurten durchqueren, die vom naechtlichen Regen ueberspuelt sind. Und mitunter bleibt der Jeep in der schlammigen Piste stecken. Da gelingt es nur mit vereinten Kraeften, den Jeep aus dem Schlamm zu befreien.
Schliesslich weist uns Nasir auf die Fussspuren eines Tigers hin. Wir sind gespannt und gucken erwartungsvoll in der Gegend umher. Doch zu einer wirklich gelungenen Tigeraufnahme reicht es dann doch nicht ganz.
Zweifellos ist der Corbett-Nationalpark ein Hoehepunkt unserer Reise. Doch der naechste Hoehepunkt wartet schon: das Taj Mahal.
Seit wir in Indien sind, scheint die Zeit nur noch so zu rasen. So sind seit unserem Aufenthalt in Rishikesh schon wieder einige Tage ins Land gezogen. Es geht uns soweit noch immer prima, der Indien-Koller ist Vergangenheit, und wir koennen den Aufenthalt hier wieder vorbehaltlos geniessen.
Was wir bisher ueberschaetzt haben, ist die technische Infrastruktur in Indien. Internet in Iran war ja schon ein Abenteuer, in Pakistan dann fast unmoeglich, aber in Indien wuerde es kein Problem mehr sein, dachten wir. Diese Fehleinschaetzung kam sicherlich auch durch den bei uns gepraegten Begriff der “Computer-Inder” zustande. Diese sind jedoch eher in Suedindien, hauptsaechlich in Bangalore beheimatet. Und so tut sich zwischen dem reicheren Sueden und dem aermeren Norden Indiens bereits eine Kluft auf. Internet ist also auch in Indien noch ein kleines Abenteuer, wenn man sich nicht gerade in einer Millionenstadt oder einer Touristenhochburg befindet. Das ist ein Grund dafuer, dass unsere Berichterstattung momentan eher schleppend verlaeuft.
Unsere Reiseroute fuehrt uns von Rishikesh durch die Kumaon-Region zunaechst weiter in Richtung Osten. Kumaon ist ein Vorgebirge des Himalaya und dementsprechend spektakulaer ist die Streckenfuehrung. Die Strasse schlaengelt sich an ungesicherten Schluchten entlang. Und geht uns die Huperei in Indien auch manchmal so richtig auf den Zeiger, auf dieser Strecke ist es nur allzu ratsam, vor jeder Kurve kraeftig zu hupen. Wir kommen nur schleppend voran. Das liegt an der schlechten Bergstrasse, die immer wieder mal Fahrbahnverengungen, Sandpisten und Schlagloecher aufweist. Wenn man auf dieser Strasse 40 Kilometer pro Stunde schafft, kann man zufrieden sein. Dazu kommt das indientypische Verkehrsverhalten (das groessere Fahrzeug hat IMMER Vorfahrt!), das uns zu abrupten Ausweich- und Bremsmanoevern zwingt. Immer wieder tauchen Warnschilder auf: “Diese Bergstrasse ist keine Rennstrecke!”. Offenbar hat es hier schon viele Unfaelle gegeben.
In der Ortschaft Gauchar biegen wir in eine Strasse in Richtung Sueden ab. Jetzt erwartet uns eine wunderbare kurvenreiche Strecke durch herrliche Taeler und malerische Doerfer. Verirren tut sich in diese wunderschoene Gegend seltsamerweise kaum jemand, und so haben wir die Strasse fast ganz fuer uns. Wir sind bester Laune und beschliessen, es in Indien nun auch mal mit dem Wildcampen zu versuchen. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, denn es gibt hier kaum eine Moeglichkeit, von der Hauptstrasse abzufahren. Nachdem nun auch in Indien die Tage merklich kuerzer werden und es hier praktisch keine Daemmerung gibt, muessen wir den Platz fuer unser Zelt schnell finden. In einem kleinen Dorf kurz vor der Stadt Ranikhet werden wir schliesslich fuendig. Der Platz befindet sich allerdings an der Hauptstrasse mitten im Ort. Wir ahnen, dass wir wenig Ruhe finden werden.
Inder sind stets interessiert und koennen sehr neugierig sein. Das zeigt sich am naechsten Morgen. Wir strecken muede unsere Koepfe aus dem Zelt, die Gesichter noch zerknautscht, die Frisur sitzt auch noch nicht richtig – und blicken geradewegs in die Gesichter von ca. zehn Schulkindern, die sich schon ordentlich vor unserem Zelt postiert haben. Jetzt gibt es kein Zurueck mehr. Wir krabbeln also aus dem Zelt und beginnen mit den Abbauarbeiten. Jede unserer Bewegungen wird dabei geduldig und interessiert von den Kindern beobachtet. Weitere Kinder gesellen sich dazu. Dreht man der Gruppe nur fuer einen kurzen Augenblick den Ruecken zu, so stellt man beim erneuten Umdrehen fest, dass wieder ein paar neue Gesichter hinzugekommen sind. Amuesiert muessen wir an eine Szene aus Hitchcock’s “Die Voegel” denken: Naemlich die Szene, in der sich die Voegel vor der Schule zum kollektiven Angriff versammeln. Unsere Frage “Muesst Ihr denn nicht in die Schule?” wird nicht als Aufforderung zum Gehen aufgefasst: “Nein, die Schule faengt erst um neun Uhr an. Oder zehn Uhr”, lautet die Antwort prompt. Boese koennen wir den Indern nie sein, muessen wir mit unseren blassen Gesichtern, unserer komischen Verkleidung und unserem komischen Zubehoer auf sie doch ebenso exotisch wirken wie sie auf uns.
Ein paar dieser Kinder sind sehr gewitzt und interessiert, und wir stellen fest, dass wir zwei ganz wichtige Sachen im Reisegepaeck vergessen haben: naemlich Bilder von Deutschland und eine Weltkarte. Es gibt viele Inder, die es fuer unvorstellbar halten, dass man auf dem Landweg von Deutschland nach Indien fahren kann. Deutschland, Oesterreich, Tuerkei etc.? Ja, von den Laendern hat man schon gehoert. Doch es fehlt jegliche Vorstellung, wo genau denn diese Laender liegen. Ueberhaupt hatten wir schon einige Male den Eindruck, dass manche Inder mit unserer Strassenkarte zum ersten Mal eine Strassenkarte von Indien sehen.
Nach dem Intermezzo mit den Schulkindern geht es weiter nach Ranikhet. Ranikhet liegt idyllisch auf knapp 2000 Metern Hoehe und lockt uns mit einem 180 km weiten Panoramablick auf die Berge des Himalaya. Auch der Nanda Devi, mit 7817 Metern der zweithoechste Berg Indiens, soll von Ranikhet aus zu sehen sein. Zudem verspricht ein Golfplatz in der luftigen Hoehe ein bisschen Abwechslung.
Doch die Idylle truegt. In der Stadt herrscht nur Hektik, das grandiose Panorama versteckt sich im Dauernebel. Zudem verfahren wir uns im weitraeumigen Militaerbereich Ranikhets. Leicht entnervt verlassen wir die Stadt und fahren weiter durch die Kumaon-Region in Richtung Sueden. Kurz hinter Ranikhet finden wir dann endlich einen geeigneten Zeltplatz fuer die naechste Nacht: gelegen auf einem Felsvorsprung mitten im Wald mit spektakulaerer Aussicht auf die umliegenden Taeler und Doerfer. Und das schoenste: Ruhe. Endlich Ruhe.
Aber dann: Mitten in der Nacht werden wir von dem Licht heftig zuckender Blitze geweckt. Irgendwo im Kumaon muss ein Gewitter sein Unwesen treiben, die Auswirkungen in Form eines Wetterleuchtens bekommen wir in dieser Nacht zu spueren. Wie im Blitzlichtgewitter jagt ein Blitz den anderen, im Sekundentakt wird das Zelt grell beleuchtet. Nur ab und an ist Donnergrollen aus der Ferne zu hoeren. Ein derartiges Wetterleuchten, wenn es denn eines ist, haben wir so noch nie erlebt. Wir wissen zwar, wie man sich bei Gewitter im Freien verhalten soll, aber uns ist trotzdem ganz schoen mulmig zumute. Uns bleibt nichts anderes uebrig als abzuwarten und Ruhe zu bewahren. Erst zum Morgengrauen ist der Spuk vorbei. Und dann: Ruhe. Endlich Ruhe.
Einen besseren Titel als diesen Beatles-Song haette es fuer diesen Eintrag nicht geben koennen. Denn seit wir den Himalaya verlassen und die Stadt Rishikesh erreicht haben, werden wir wieder mit schoenstem Wetter verwoehnt. Die Sonne knallt vom indischen Himmel nur so auf uns herab.
Und wie jeder Beatles-Fan weiss, haben die Fab Four in den 60er Jahren einige Zeit in Rishikesh verbracht. Noch heute lockt die Stadt am Ganges viele Besucher aus dem Westen an. Aber nicht wegen der Beatles (man findet kaum einen Inder, der schon mal was von den “Beatles” gehoert hat), sondern wegen der zahlreichen Meditationszentren und Ashrams, in denen man hier Kurse besuchen kann. Rishikesh bezeichnet sich selbst als die Hauptstadt des Yoga. Und im Moment ist Yoga-Hochsaison in der Stadt. Daher ist die Suche nach einem Hotelzimmer schwierig. Alle Hotels, bei denen wir anfragen, sind ausgebucht. Aber eine Loesung ist trotzdem schnell gefunden: Die Besitzerin eines Hotels bietet uns einen Stellplatz fuer unser Zelt auf dem privaten Wohngelaende an. Wir sind gerade am Aufbauen, da kommt sie auf einen kurzen Sprung vorbei. Sie hat es sich anders ueberlegt: Zelten auf dem Gelaende sei zu gefaehrlich, wegen der Schlangen. Schlangen? Ist doch prima, denn Schlangen haben wir bisher noch nicht fotografieren koennen!
Stattdessen bietet sie uns nun an, im Meditationsraum ihres Ashrams die Nacht zu verbringen. Allerdings muessten wir am naechsten Tag bis acht Uhr raus sein, denn dann beginnt die morgendliche Yoga-Stunde. Und so werden wir puenktlich am naechsten Morgen um 20 Minuten vor acht von dem Yogalehrer aus dem Schlaf “gehaemmert”.
Eine Unterkunft fuer die naechsten Tage haben wir nun auch. Zu dem Ashram gehoeren einige Zimmer, die von den Yogaschuelern belegt sind. Eines der Zimmer ist gerade frei geworden, spartanisch eingerichtet, aber dafuer sauber und sehr guenstig. Ein pruefender Blick genuegt, und unsere Entscheidung ist schnell getroffen: Zimmer taugt!
In der Stadt Rishikesh – bzw. um ganz genau zu sein – im Stadtviertel Muni-ki-Reti herrscht eine ganz besondere Atmosphaere. Hier vermischt sich der Geruch von den Garkuechen mit dem Duft von Raeucherkerzen. Zu dem von Indien nicht wegzudenkenden Gehupe von Autos und Motorrollern gesellen sich hinduistischer Gesang sowie Trommel- und Floetenklaenge der Strassenmusiker. Westliche Touristen, Inder und hinduistische Pilger versammeln sich hier zu einem friedvollen und bunten Menschenpulk. Rishikesh hat etwas “Spirituelles”. Das merken wir, als wir beim Sonnenuntergang die Inder beim Baden im Heiligen Fluss Ganges beobachten.
Ein einmaliges Bild sind auch die vielen Inder, die an den Ghats zum Ganges kleine Schiffchen, bestueckt mit Kerzen, in den Fluss lassen.
Aber es gibt auch Schattenseiten: Bettler, teilweise schlimmstens entstellt, gehoeren zum normalen Stadtbild. Die beiden wunderschoenen Haengebruecken, ueber die man den Ganges ueberqueren kann, muessen sich die Fussgaenger mit wild und chaotisch herumfahrenden Motorrollern teilen.
Und der Ganges? Eine graubraune Bruehe, in die ich nicht einmal den kleinen Finger eintauchen moechte.
Und ueberall in der Stadt liegen die Kuhfladen herum. Uebrigens: Die bloeden Viecher koennen ganz schoen aggressiv werden und gehen schon mal gerne grundlos mit ihren Hoernern auf Menschen los. Die erste Kuhattacke hab ich dann aber doch ohne Verletzungen ueberstanden.
Wir fragen uns, wie es hier wohl vor 40 Jahren aussah. Zu Beatles-Zeiten muss es wesentlich geruhsamer zugegangen sein in Rishikesh. In der Stadt finden sich jedoch keine Spuren mehr von John, Paul, George und Ringo. Allerdings soll der Ashram, in dem die Beatles unterrichtet worden sind, noch existieren. Und wir wissen auch ungefaehr, wo. Ein Sadhu, quasi Zeuge der damaligen Zeit, kann uns dann genau sagen, wohin wir gehen muessen. Und siehe da: wir finden tatsaechlich ein verwittertes Schild, das uns den Weg zum Ashram weist.
Der Weg fuehrt ueber eine unbefestigte Strecke am Ganges entlang. Diesen Weg muessen die Vier oft gegangen sein.
Und dann stehen wir vor dem Ashram. Allerdings bietet sich uns ein etwas trostloses Bild: Der Ashram wurde vor einigen Jahren geschlossen. Dementsprechend ungepflegt und verwildert ist das Gelaende. Die zum Ashram gehoerenden Gebaeude verwittern allmaehlich. Belagert ist das Gelaende von den Affen, die sich hier offenbar sehr wohl fuehlen. Aber dafuer sind wir an einem der wenigen Orte in Indien, an denen es endlich mal wieder richtig still ist.
Apropos “still”: Indien ist kein leichtes Reiseland. Das war uns von Anfang an klar. Nach drei Wochen Indienaufenthalt hatten wir in der Tat so etwas wie einen kleinen “Indienkoller”. Ich glaube aber, dass es vielen Indienreisenden aehnlich geht. Zu schwer wiegen die vielen Eindruecke, die taegliche Bilderflut, der Laerm, das Gedraenge auf den Strassen, die schlechte Luft, der Staub und Dreck.
Das alles muss man irgendwie erst mal verarbeiten, und so geschieht es auch: am naechsten Tag ist alles wieder im Lot und wir koennen uns wieder auf Indien freuen.
Von Shimla aus brechen wir am Montag zu einer weiteren Hill Station, Mussoorie, auf. Unserer Strassenkarte nach sind zwei Strecken moeglich: Die laengere Strecke von Shimla aus ueber Solan, Chandigarh, Nahan, Dehra Dun fuehrt ueber Hauptverkehrsstrassen. Die kuerzere Strecke fuehrt ueber eine Nebenstrecke von Shimla aus ueber Solan nach Nahan und Dehra Dun. Der Unterschied betraegt nach unseren Schaetzungen rund 100 Kilometer. Nachdem wir in den letzten Tagen aufgrund des schlechten Wetters ein bisschen mehr Zeit benoetigt haben als geplant, entschliessen wir uns also fuer die Nebenstrecke.
Auf kurvenreichen, teilweise mit Schlagloechern versehenen Strassen geht es im mittlerweilen gewohnten Indienverkehr (d. h. aus zwei Fahrspuren mach je nach Bedarf ruhig mal mehr, aber vergiss dabei das Hupen nicht) ca. 60 Kilometer nach Solan. In Solan verlassen wir die Hauptverkehrsstrasse und biegen in die Nebenstrecke ein. Wir haben die Strasse fast ganz fuer uns allein, was sehr ungewoehnlich in Indien ist. Ab und an sind auch hier die Auswirkungen vom Unwetter der vergangenen Tage sichtbar. Die Strasse ist teilweise verschuettet durch Geroell und Steine. Aber wir kommen dennoch ganz gut voran. In dem Dorf Rajgarh muessen wir uns durchfragen, da die Strassen hier nur schlecht beschildert sind. Doch freundliche Inder finden sich auch hier. Man gibt uns Auskunft mit dem Hinweis, dass Nahan noch ca. 100 Kilometer entfernt sei. Kommt es mir nur so vor oder grinsen einige der umstehenden Inder beim Erwaehnen von Nahan tatsaechlich etwas komisch? Aber nachdem 100 Kilometer fuer eine Bergstrasse im Himalya eine ganz ordentliche Strecke sind, bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken.
Schon nach wenigen Kilometern wird der Strassenzustand sehr schlecht. Die Schlagloecher haeufen sich, tiefe Pfuetzen und Erdrutsche versperren teilweise die Strasse. Zudem sehen wir in der Ferne schon das naechste Unwetter aufziehen. Wir kaempfen uns muehevoll, aber tapfer weiter voran. Ca. 30 Kilometer hinter Rajgarh – das entspricht ungefaehr anderhalb Stunden Fahrzeit – ist dann ganz ploetzlich Schluss. Ein Erdrutsch hat die Strasse nach Nahan auf einer Laenge von ca. 10 Metern vollkommen verschuettet. Nur ein kleiner glitschiger Trampelpfad fuehrt ueber den Erdrutsch hinweg auf die andere Seite. Die Bergstrasse ist an dieser Stelle abschuessig. Ein Sturz bei dem Versuch, den Trampelpfad zu befahren, wuerde einen Sturz in einen tiefen Abgrund bedeuten. Weit und breit sind keine Inder in Sicht, die uns bei unserem Unterfangen weiterhelfen koennten.
Aber ohne zusaetzliche Hilfe, das ist uns klar, werden wir die Ueberquerung kaum schaffen. Und wer weiss schon, wie es hinter dem Erdrutsch weitergeht? Wir entscheiden also, kein Risiko einzugehen. Stattdessen: Wieder mal umdrehen und den ganzen Weg zurueck. Das bedeutet, wir werden heute nicht wie geplant in Mussoorie ankommen, sondern irgendwo unterwegs uebernachten muessen. Unsere Stimmung ist auf Null gesunken. Und was haben wir daraus gelernt? 1. In Indien braucht man viel Zeit und viel Geduld. 2. Wenn man wirklich mal einen Inder braucht, ist keiner da. 3. Der kuerzere Weg ist manchmal nur scheinbar der kuerzere. Vor allem aber: Wir werden von jetzt an nur noch Hauptverkehrsstrassen benutzen!
Es wird Mittwoch, als wir Mussoorie erreichen. Auch diese Hill Station liegt malerisch auf rund 2000 Metern Hoehe eingebettet in den Bergen des Himalya.
Mussoorie ist vor allem Reiseziel der Inder. Und da die Saison in Mussoorie schon vorbei ist, haben wir den Ort fast fuer uns. Damit aber auch die Qual der Wahl, was das Hotel angeht.
Aber wir haben wieder mal ein Riesenglueck. Zufaellig lernen wir in einem kleinen Laden Bobby, eine quirlige Inderin kennen. Bobby hat ihr Wohnhaus, das sie mit Ehemann Gurdip bewohnt, zu einem kleinen Hotel, dem Hotel Shalimar, umgebaut. Das Wohnhaus im englischen Kolonialstil befindet sich nicht weit vom Stadtzentrum in einem kleinen Tal. Umgeben von einem richtig schoenen Garten. Und wir sind die einzigen Gaeste, die sich derzeit dort eingemietet haben. Bobby ist eine richtig coole und gewitzte Gastgeberin. Sie ist froh, mal wieder etwas Abwechslung zu haben, sagt sie. So werden wir gleich am ersten Abend zum Abendessen eingeladen. Und Ehemann Gurdip schenkt bereitwillig Whiskey und Bier aus. So laesst es sich gut leben…
Am naechsten Tag laden uns die beiden spontan zu einem kleinen Ausflug mit dem Auto ein. Fuer uns die Gelegenheit, Indien mal aus Sicht eines Autofahrers zu erleben. Eine neue Erfahrung, denn im Auto wirkt der Verkehr auf Indiens Strassen laengst nicht so gefaehrlich wie auf dem Motorrad. So bekommen wir Stellen zu sehen, die in keinem Reisefuehrer aufgefuehrt sind. Und wiederum grandiose Aussichten auf die schneebedeckten 6000 und 7000er des Himalya. Den Hoehepunkt bildet ein Picknick unter freiem Himmel. Was uns allerdings nicht gefaellt: Wie es in Indien leider noch ueblich ist, werden die Papierteller nach Gebrauch einfach den Berg hinuntergeschmissen, ebenso die Bierflaschen. Man kann sich leicht vorstellen, wie unser Picknickplatz ausgesehen hat.
Am Samstag heisst es Abschied nehmen von Bobby und Gurdip. Der Abschied faellt uns wirklich nicht leicht. Wir sind froh, diesen beiden liebenswerten, warmherzigen und grosszuegigen Menschen in Indien begegnet zu sein. Doch die Zeit draengt, es warten ja noch viele Orte in Indien auf uns…
Der hinduistische Regengott Indra macht uns einen dicken Strich durch die Rechnung. Auch am Freitag schuettet es im Kullu-Tal wie aus Kuebeln. So ist weder an eine Trekking-Tour noch an eine Fahrt ins Spiti-Valley zu denken. Wir beschliessen also, noch am gleichen Tag das Kullu-Tal zu verlassen und nach Shimla zu fahren.
Unsere Sachen sind schnell gepackt, die Hotelcrew steht zum Abschied Spalier – und los geht”s. Die Fahrt durch den stroemenden Regen stoert uns nicht sonderlich, denn je weiter wir nach Sueden kommen, umso mehr laesst der Regen nach. Eine gute Stunde Fahrt haben wir schon hinter uns, als ein Tankstopp faellig ist. Beim Verstauen des Wechselgeldes faellt uns siedendheiss ein, dass wir unsere Reisepaesse beim Auschecken aus dem letzten Hotel nicht wieder zurueckbekommen haben. Der Unmut ist gross, aber was nuetzt es: Also umkehren und die kurvenreiche Strecke nochmal zurueck. Es ist Mittag, als wir wieder in Naggar ankommen. Dort erwarten uns die Hotelangestellten schon ganz aufgeloest. Sie hatten unser Paesse ca. 20 Minuten nach unserer Abfahrt entdeckt und in der Zwischenzeit schon fuenf Polizeistationen, die auf dem Weg nach Shimla liegen, informiert. Gluecklicherweise hatten wir noch beim Fruehstueck die Hotelcrew ueber unser naechstes Reiseziel informiert. Aber offenbar war den Polizisten das Wetter auch zu schlecht, denn angehalten hatte uns ja niemand. Erleichtert halten wir nun unsere Paesse in der Hand. Und was jetzt? Wir sind nass bis auf die Haut, und nach Shimla werden wir es heute in keinem Fall mehr schaffen. Also checken wir zur Freude des Hotelpersonals nochmal fuer eine Nacht ein. Morgen haben wir dafuer sicherlich schoenstes Wetter und koennen wie geplant unsere Trekkingtour oder die Fahrt ins Spiti-Valley unternehmen.
Indra meint es wirklich nicht gut mit uns. Bereits beim Aufwachen hoeren wir das Geplaetscher des Regens. Seit fast drei Tagen regnet es nun ununterbrochen. Es ist uebrigens kein Monsunregen. Wie uns viele Inder bestaetigen, ist die Monsunzeit in dieser Region laengst vorueber. Die aktuellen Wetterkapriolen sind auch fuer die Inder neu.
Beim Fruehstueck erfahren wir, dass bereits eine der Strassen aus dem Kullu-Tal gesperrt ist. Wenn wir uns jetzt nicht beeilen, sitzen wir womoeglich mehrere Tage im Kullu-Tal fest. Daher laeuft die Abschiedszeremonie heute etwas schneller ab. Unsere Reisepaesse sind diesmal gut verstaut im Tankrucksack, die Hotelcrew steht wieder Spalier, es wird ein letztes Foto geschossen, ein letzter Gruss – und jetzt aber nix wie raus aus dem Kullu-Tal!
Das Ausmass des Dauerregens ist schon wenige Kilometer spaeter erkennbar. Der Beas, noch vor vier Tagen ein ruhig vor sich hinfliessender Fluss, hat sich in einen reissenden Strom verwandelt.
Eine lange Autoschlange quaelt sich durch den stroemenden Regen aus dem Kullu-Tal an den Berghaengen entlang in Richtung Sueden. Und wir mittendrin. Der Exodus hat begonnen. Immer wieder staut sich der Verkehr, weil der Beas die Strasse ueberspuelt hat oder weil die Strasse durch Erdrutsch und Geroell blockiert ist. Die Gefahr durch Erdrutsch besteht weiterhin. Ich wage kaum, nach oben zu gucken. Nur noch raus aus dem Tal. Nach rund drei Stunden ist das Groebste ueberstanden. Wir gelangen nach Mandi, das am suedlichen Ende des Kullu-Tales liegt. Wie knapp wir den Naturgewalten entkommen sind, koennen wir drei Tage spaeter in der Zeitung lesen: Das Kullu-Tal ist abgeschnitten von den Hauptverkehrsstrassen, einige Touristen sitzen im Kullu-Tal fest, viele Doerfer muessen per Luft versorgt werden. Leider hat es auch Tote durch Erdrutsch gegeben.
Ab Mandi laesst der Regen bedeutend nach. Durch sehr schoene Landschaft geht es an den Berghaengen des Himalaya weiter in Richtung Sueden. Aus der Ferne sind noch einmal die Gipfel der Berge des Kullu-Tales erkennbar. Alle Berggipfel sind dick verschneit. Eine grossartige Kulisse.
Schliesslich erreichen wir am Abend Shimla. Shimla, die Hauptstadt Himachal Pradesh, war zu Kolonialzeiten Residenz der britischen Kolonialherren waehrend der heissen Sommermonate. Auf 2000 Metern Hoehe gelegen, herrschen in der Hill Station Shimla auch im Hochsommer immer angenehme Temperaturen.
Der Glanz der Kolonialzeit ist noch immer erkennbar: im Zentrum Shimlas findet man noch viele Haeuser im typisch englischen Stil. Shimla ist aber auch extrem teuer. Fuer unser Hotelzimmer zahlen wir pro Nacht 20 Dollar. Verglichen mit den Preisen in Deutschland ist das natuerlich noch immer sehr guenstig, allerdings haben wir schon bedeutend bessere Unterkuenfte fuer rund sieben Dollar gehabt.
Den Sonntag verbringen wir in Shimla. Am Morgen koennen wir noch eine grandiose Aussicht auf die schneebedeckten Berge geniessen. Doch schon bald zieht sich der Himmel wieder zu und es beginnt wieder mal zu regnen. Trotz des schlechten Wetters lassen wir uns von einem Spaziergang durch Shimla nicht abhalten. Von der “Mall”, der Einkaufsstrasse im englischen Stil geht es ueber einige Treppenstufen in die Unterstadt Shimlas, und damit wieder zurueck in Indiens Welt der Duefte und Farben.
keep looking »





























































